Di, 13. März 2018

19:30

Res Brandenberger

Lesung. Musik: Katrin Wüthrich
6370 Stans

Anfang Jahr fragte mich Ana Holenstein, an, ob ich in Nidwalden einen Ort wüsste, an dem Werke ihrer Mutter Gertrud Guyer Wyrsch ausgestellt werden könnten. Spontan wies ich sie auf die leerstehenden Räume an der Engelberstrasse 31 hin. Ana nahm gleich Kontakt mit dem Besitzer Hans Büchel auf, der die Räume unkompliziert zur Verfügung stellte und sich gleich auch in der Gruppe engagierte, die die Ausstellung zum 98. Geburtstag von Gertrud auf die Beine stellte. Hans ist Besitzer von Werken Gertruds und eine ihrer Stelen ziert den Bau an der Engelbergstrasse. Von Stanser Seite stieg der Ausstellungsmacher und Museumstechniker Tide Zihlmann mit ins Boot, aus Biel der Filmer und Gestalter Stefan Hugentobler. Er hatte zu Lebzeiten ein Filmporträt von Gertrud realisiert.
Der Ausstellungsgruppe gefiel die Idee wohl, der verstorbenen eine aktive Künstlerin zuzugesellen. Die Wahl fiel auf Mireille Tscholitsch, die gern bereit war, ihre Werke jenen von Gertrud gegenüberzustellen.
Jetzt mussten zügig Entscheide getroffen und Vorbereitungen angegangen werden. Stefan machte Vorschläge für Einladungskarte und Plakat, Tide baute ein Raummodell und konzipierte die Ausstellungsbauten, Hans kümmerte sich um das Licht, Ana koordinierte und protokollierte. Ein Rahmenprogramm entstand mit musikalischen und literarischen Höhepunkten.
Leitlinien waren: Der Raum soll Rohbau bleiben, Eingriffe sind ablesbar und auf das Minimum beschränkt. Die Ausstellungsdauer ist kurz, dafür ist die Ausstellung täglich geöffnet und mit einem attraktiven Rahmenprogramm ergänzt. Und nicht zuletzt: Neben bekannten Werken der Künstlerinnen sollen auch unbekannte Aspekte ihres Schaffens zum Zug kommen.
Bei Gertrud Guyer Wyrsch hiess das, dass Gruppen ihrer Türme und Säulen in der Ausstellung vertreten sind. Die meisten dieser Werke sind in öffentlichem oder privatem Besitz Trotzdem finden sich noch repräsentative und qualitätsvolle Beispiele im Nachlass. Apropos Nachlass: Dieser wurde im Auftrag von Ana Holenstein perfekt aufgenommen und in einem umfassenden Werkverzeichnis festgehalten. Gertrud kombinierte mit Vorliebe ihre Tücher und Hudel an der Wand mit den Türmen im Raum. Einige schöne Exemplare bereichern ganz in ihrem Sinn die Ausstellung. Neben den getupften und gestrichelten Tüchern, die Stimmungen sichtbar machen, sind auch Hudel mit abstrakten Linienrhythmen vertreten. Hudel, ein Begriff, den die Künstlerin selbst für diese Werke auf Tuch verwendete. Einer dieser Hudel wurde von Stefan Hugentobler als Sujet für die Einladung verwendet.
Der Öffentlichkeit nicht bekannt sind bisher die Skizzen aus Caldetas, dem Ferienort der Familie in der Nähe von Barcelona. Hier hielten sich Diego und Gertrud bis zuletzt jeden Herbst auf. Neben dem Schwimmen im Meer genoss Gertrud das Zeichnen am Strand oder im nahe gelegenen Steinbruch. Auch hier konnte sie sich den Rhythmen und Linienverläufen hingeben. Legendär ist ihr Ausspruch, den sie immer anbrachte, wenn die Lust zum Zeichnen übermächtig wurde: „Mer gid mier ke Papier!“ Diego machte das Spiel mit und organisierte schleunigst das gewünschte Material. Diese Zeichnungen Gertruds bilden die Grundlage für die freien und vermeintlich abstrakten Werke, die wir von ihr kennen und schätzen. Die Natur, die sichtbare Welt, ihre Umgebung bildeten die Inspiration für ihr Schaffen. Dies zeigen uns die vibrierenden Skizzen aus Caldetas klar und deutlich.
Vertraut wiederum sind die Kisten und Kuben, die kristallinen Gebilde, welche auf dem Podest beim Eingang zusammengefasst sind. An ihnen lassen sich die unvergleichlichen Qualitäten von Gertrud als Plastikerin erkennen: Sie bewegt sich handwerklich stets an der Grenze des Machbaren. Sie öffnet und schliesst die Formen, gewährt Einblicke in das Innenleben ihrer Objekte. Sie sägt, leimt, schleift, lässt das Holz sprechen oder akzentuiert es zusätzlich mit Farbe. Sind die Säulen geschlossen oder lassen nur durch Schlitze Einsicht zu, so öffnen sich die Objekte und beziehen den Innenraum bewusst ein.
 
Wird der Blick bei Türmen und Säulen in die Höhe gelenkt, so führen die geöffneten Münder der „Kristallinen Kugeln“ in die Tiefe. Bei einem der Objekte sind die Flächen mit Nägeln gespickt, deren Spitzen ins Innere ragen. Von aussen wirken die Nagelköpfe je nach Lichtverhältnissen als silbern glänzende Akzente oder als dunkles Punktemuster, verwandt mit den gepinselten Punkten auf Gertrud Guyers Malereien. Andere Assoziationen erweckt jenes Objekt, dessen Kanten geschliffen sind. Durch die zu Tage tretenden Schichtungen des Sperrholzes entsteht der Eindruck der Struktur eines Schildkrötenpanzers. Gertrud Guyer nannte diese Werkgruppe treffend „Objekte, die den Bezug zu verschiedenen Naturformen nicht verleugnen“.
 
Und weiter äusserte sich Gertrud: „Anders die letzte Arbeitsreihe der ‚Objekte auf viereckiger Basis’. Sie sind fast losgelöst von irgendwelchem Naturbezug. Vielleicht nehmen sie gewisse Elemente von dekonstruktiver Architektur auf oder haben jedenfalls etwas Architektonisches an sich.“ Diese Charakterisierung durch die Künstlerin ruft sogleich wieder ihre „Türme“ in Erinnerung, die sich allerdings in Dimension, Bauweise, Erscheinung und Farbgebung von den „Objekten auf viereckiger Basis“ unterscheiden. Auch im Rückblick erstaunt der Mut, solche Gebilde bis zu einer Höhe von über drei Metern zu bauen, auf kleiner Grundfläche und in Spiralform, welche von Turm zu Turm variiert wird. Die zeitlich darauffolgenden Säulen betonen das Aufragende, Himmelsstürmende durch die geschlossene oder durch Löcher oder Schlitze akzentuierte Form. Damit wären wir wieder beim unterdessen nicht mehr heimlichen Ausgangspunkt dieser Ausstellung im Rohbau, der Stele, die permanent vor dem Gebäude steht und die Passanten an Gertrud und ihr eindrückliches Schaffen erinnert.
 
Urs Sibler