Do, 01. Mai 2014

08:00 bis 16:00
Rosenberghöhe 4
6004 Luzern

Shao Fan

«Face to Face». Einzelausstellung
041 420 33 18
Rosenberghöhe 4
6004 Luzern
DI–FR 10–18 Uhr, SA nach Vereinbarung 041 420 33 18

Galerie Urs Meile freut sich, die erste Einzelausstellung von Shao Fan (*1964 in Beijing, China) in Luzern auszurichten. Für seine letzte Ausstellung in der Galerie Urs Meile in Peking war es dem Künstler wichtig gewesen, die unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen des Begriffes ‹alt› in Ost und West – und mit dem östlichen auch seine eigene Überzeugung – zu erörtern. Während beim Thema Alter in unserem Kulturkreis Aspekte wie beschädigt, mangelhaft, überholt und hässlich mitschwingen, sieht man in China im Alten eine Qualität, etwas Erprobtes, Bewährtes, Gereiftes, Rares und vor allem etwas Schönes. Bei den von Shao Fan verwendeten Antiquitäten muss dies einem westlichen Betrachter nicht erklärt werden, dort sind die Auslegungen ähnlich. Wenn es aber um zeitgenössische Malerei geht, dann muss man sich bewusst von der Logik der westlichen Avantgarden und deren Streben nach Neuem und Ungesehenem lösen. Die asiatische Kunst setzt der Idee vom westlichen Genie die des Meisters entgegen. Während dieser durch Wiederholung dem Ideal nahe kommt, wird vom Genie eine originelle Kreation erwartet, die alles Vergangene in den Schatten stellt. Shao Fan ist ein unverbesserlicher Klassizist im chinesischen Sinn und über diesen Kontext ist auch das immer wiederkehrende Motiv des Hasen zu erschliessen (Misty Winter, 2013, Öl auf Leinwand, 150 x 100 cm, Portrait, 2013, Öl auf Leinwand, 200 x 170 cm; Portrait, 2013, oil on canvas, 150 x 100 cm). Shao Fan malt ihn nicht, weil er eine besondere Bedeutung für ihn hat oder wegen der Mythen, die sich in der chinesischen Kultur um ihn ranken. Für den Künstler ist er ein Tier unter vielen. Mal mehr, mal weniger anthropomorph schafft er achsensymmetrische Tierporträts in verschiedenen Grautönen und kontrastiert das Dargestellte mit der Struktur der Farbe, die nicht an Fell, sondern an Stein erinnert. Die unbunte Palette der Bilder ist bewusst gewählt, um ihnen den Anschein von Alter zu verleihen. Häufig sind sie als Portrait betitelt und damit personifiziert, denn es geht Shao Fan darum, an anderen Subjekten als an Menschen, menschliche Gefühle darzustellen. Sogar die von ihm gemalte Birne (Medicine, 2012, oil on canvas, 170 x 210 cm) sieht unwohl aus und auch das Portrait des Apfels erinnert an Körperpartien (Portrait – Apple No.1, 2013, Öl auf Leinwand, 110 x 150 cm, Portrait – Apple No. 2, 2013, Öl auf Leinwand, 82 x 71 cm). Der Affe schaut in den Spiegel (Monkey looking into Mirror No.2, 2012, Öl auf Leinwand, 66 x 49 cm), ein Hase sitzt am Tisch, der Adler wird, wie es für Portraits üblich ist, frontal gezeigt (Portrait – Eagle, 2013, Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm), der Tiger hat ein Kindergesicht (Baby Tiger, 2011, Öl auf Leinwand, 200 x 160 cm). Durch die Vermenschlichung wirken Shao Fans Subjekte auf uns niedlich und komisch. Die dargestellten Tiere rühren uns, und das tun sie auch mit Shao Fan. Trotzdem sind sie von keiner speziellen Wichtigkeit für ihn und diese Wirkung war nicht intendiert, sondern basiert auf unserem westlichen Missverständnis. Um Shao Fans taoistische Weltsicht zu verstehen, hilft ein Umweg. Stellt man den Arbeiten das Zitat von Regisseur Werner Herzog gegenüber – exemplarisch, als Standpunkt von einem, der von der privilegierten Stellung des Menschen überzeugt ist – versteht man, was Shao Fan sieht bzw. nicht sieht: «In den Gesichtern [...] kann ich keine Verwandtschaft, kein Verständnis, keine Gnade entdecken. [...] Ich sehe lediglich die überwältigende Gleichgültigkeit der Natur. [...] und dieses leere Stieren erzählt von nichts, ausser einem halbgelangweilten Interesse an Futter.» Wessen Verhältnis zur Tierwelt dem von Herzog ähnelt, der wird in den Bildern von Shao Fan zynischen Humor erkennen. Für den Künstler hingegen ist es selbstverständlich, die Hasen als Verwandte zu malen, die uns gleichberechtigt anschauen und uns auf der Gefühlsebene ansprechen. Dabei kommt ein weiterer Grundunterschied in der Sozialisation unserer beiden Welten zum Tragen: Während wir es gewohnt sind, die Essenz eines Dinges intellektuell-abstrahierend begreifen zu versuchen, wird sie in der chinesischen Kultur sinnlich erfahren. Wenn uns die dargestellten Tiere also niedlich erscheinen, dann hat das nichts mit dem zu tun, was wir mit diesem Begriff verbinden.

In Shao Fans Kunst sind Subjekt und Form gleichberechtigt. Seine Gemälde eröffnen keine Welten, sie sind in erster Linie Gegenstand und Material. Bei den Objekten fällt es etwas leichter, sie als das zu sehen. Als einer der ersten Künstler in China schuf Shao Fan Objekte an der Grenze von Kunst und Design (Embroidered Tea Table – 2012, No.3, 2013, Walnuss, Tisch: 78 x 200 x 131 cm, Hocker: 50 x 59 x 49 cm). Bereits kurz nach seinem Abschluss 1984 am Beijing Arts and Crafts College begann er dreidimensional zu arbeiten und bezeichnet es als seine Passion. Er kombiniert beispielsweise einen Stuhl aus der Ming Dynastie (1368-1644) mit Plexiglasplatten (Project No.1 of the Year 2004, 2004, Ulme, Acryl, 170 x 130 x 120 cm), so dass es scheint, der Stuhl explodiere und die Einzelteile seien im Begriff auseinanderzufliegen. Die innere Struktur, die so zum Vorschein kommt, die einzelnen Elemente, sind für Shao Fan genauso ästhetisch wie die zusammengesetzte Gesamterscheinung. Dieses Prinzip ist aus der Kalligraphie bekannt: Jeder einzelne Strich wird bereits mit der Motivation gesetzt, dass er für sich allein schön ist. Shao Fan arbeitet viel in der westlichen Technik der Ölmalerei, aber schafft in letzter Zeit auch Portraits in der traditionellen chinesischen Tuschetechnik. Zum Beispiel besteht Portrait – small ink Rabbit No. 2 (2013, Tusche auf Reispapier, Malerei: 170 x 90 cm, Rolle: 274 x 100 cm) aus einer Vielzahl von einzelnen, geschwungenen, sich am Ende zuspitzenden Linien, die gemeinsam den Bildgegenstand ergeben. Eine gleichartige Linie setzte Shao Fan skulptural um: Ming Beard – 2006, No. 5 (2006, rotes Sandelholz, 43 x 152 x 12 cm) ist Teil einer Serie von Gegenständen, die er im Stil und der Schlichtheit der Ming Dynastie realisierte. Die geschwungene Form lässt nicht zuerst ein Barthaar vermuten, aber die treue Abbildung von realen Vorlagen oder individuellen Erscheinungen interessiert Shao Fan in keinem Medium. Das Konkrete würde ihn nur von der Schönheit seiner inneren Welt ablenken, sagt er.